Analog, digital, anatal

Das Internet und der Computer erschließt sich den meisten Nutzenden als Anschluss an die „reale Welt“, das Anfassbare, das Analoge. Dazu kommt eine zunehmende Durchdringung unseres Alltags durch digitale Geräte. Die damit verbundene Veränderung von Gesellschaft, Politik, Arbeit aber auch der Bildung sind nicht zu übersehen.

Dennoch bestimmt die Deutungshoheit des Analogen, wie die digitale Welt zu sein hat. Wir entwickeln mit der analogen Brille Bildungskonzepte für einen digital durchdrungenen Alltag. Das Ergebnis sind digitale Karteikarten statt explorativen Lernangeboten. Der Artikel versucht den Aggregatzustand „Digital“ zu beschreiben, um daraus Konsequenzen für eine Bildung im digitalen Zeitalter zu entwickeln.

Warum analog und digital nicht zueinander kompatibel sind

Wenn von Datenautobahnen, Desktops oder Ordnern gesprochen wird, hat das nicht viel mit dem zu tun, was in der Kohlenstoffwelt damit assoziiert wird. Die uns bekannten Metaphern haben ihren Ursprung in der Geschichte. Mit der Einführung grafischer Oberflächen sollten die Analogen Repräsentaten unserer Intuition auf die Sprünge helfen. So hat sich als Metapher für die E-Mail der Brief durchgesetzt. Das ist jedoch ein problematisches Missverständnis, weil eine E-Mail eher offen wie einer Postkarte ist.

Aber die Adaption von analog zu digital hat unsere PC-Nutzung stark geprägt. Menschen, die dieser Adaption den Kampf angesagt haben, nannten sich Hacker und wurden lange Zeit von der Gesellschaft kriminelle Eindringlinge in Computersysteme verschrieen, heute gelten sie als die Netzversteher. Nicht selten hatten sie ihr erstes Coming Out in der Computerkunst und haben gezeigt, dass das Digitale eine eigene Kultur hervorbringt, die mit der analogen Welt so wenig kompatibel ist, dass wir es als Störung, als Kunst verstehen: Beispielhaft sei hier das Projekt Blinkenlights genannt, aber auch die Arbeiten von Aram Bartholl.

Ob wir um das Urheberrecht ringen, ein Umdenken in Bildung oder Politik fordern oder der Verwahrlosung der Sprache durch digitale Medien den Kampf ansagen, es hat mit der unweigerlich scheiternden Adaption des Digitalen an das Analoge zu tun. Aber was ist eigentlich im Digitalen so anders und in welcher Weise beeinflussen diese Besonerheiten unseren Alltag?

Beschaffenheit des Aggregatzustandes „Digital“

Copy by Default

Der Computer und später das Internet basierten schon immer darauf, dass sie kopiert werden konnten, ohne das Original von der Kopie unterscheiden zu können. Damit einhergehend vermehrt sich die digitale Information im Gebrauch, im Gegensatz zu materiellen Gütern. Ohne dieses Phänomen hätte sich die digitale Kommunikation niemals durchgesetzt.

Man stelle sich vor, E-Mails würden von einer Festplatte verschwinden, wenn sie verschickt werden. Foren, Chats und ähnliches, bei denen ein Server an alle Empfänger haargenau dieselben Bits ausliefert, sie aber nach der Auslieferung vom Server löscht, würde die Kommunikation in digitalen Netzen unmöglich machen. Auch wenn wir Dokumente, Musik oder Videos erschaffen, machen wir uns diese Redundanz zu nutze. Wir speichern Ableger ein und desselben Werkes und entwickeln es in verschiedene Richtungen weiter. Die Werke lassen sich am Ende in unterschiedlichen Versionen distribuieren. Was wäre also das Digitale ohne die gnadenlose Kopierbarkeit? Es ist das Wesen des Digitalen in Abgrenzung zu Materie, dass wir eine verlustfreie Kopie erschaffen können. Es wäre nicht digital, wenn diese Eigenschaft abhanden käme.

Public by default

Es ist in digitalen Netzen wesentlich einfacher etwas zu veröffentlichen, als geheim zu halten. In der Kohlenstoffwelt ist es genau umgekehrt. Das hängt zum einen mit unterschiedlichen Entwürfen von Öffentlichkeit zusammen, zum anderen mit dem Zusammenfallen von Sender und Empfänger in einem Medium.

Wenn von der Öffentlichkeit gesprochen wird, ist damit in den meisten Fällen eine massenmedial geprägte Öffentlichkeit gemeint. Die vielen Teilöffentlichkeiten, die das Internet hervorbringt, zeichnen aber eine ganz andere Situation für den Einzelnen. Jede Veröffentlichung im Internet ist zwar prinzipiell weltöffentlich, die Wahrnehmung wird aber in der Praxis von der Popularität der Filter abhängen.

Während wir nach wie vor viel zu sehr damit beschäftigt sind, die Kohlenstoffwelt im Digitalen abzubilden, beschneiden wir die uns zur Verfügung stehenden Optionen. Aus dem Auseinanderfallen von Sender und Empfänger in der Kohlenstoffwelt folgt zum Beispiel das Lehrer - Schüler Modell. Der eine sendet, der Andere empfängt. Genau das bilden wir auch im Digitalen ab. Dabei unterschlagen wir die prinzipielle Möglichkeit, dass hier Sender und Empfänger zusammenfallen können.

Volltext-Durchsuchbarkeit

Lange Zeit haben wir Dateien aus dem Eingangsordner in unterschiedliche sinnvolle Ordner sortiert. In der Hoffnung sie auch noch nach Jahren wiederzufinden. Seitdem digitale Netze uns zwingen Ordner nicht nur für sich selbst, sondern auch für Andere sinnvoll zu benennen, ist es nicht einfacher geworden, individuell sinnvolle Schubladen zu benennen. Jeder, der im Betrieb mit anderen an Projekten arbeitet, kennt das Problem der Verständigung auf eine gemeinsame Ordnerstruktur. Bei zunehmender Informationsmenge und Komplexität ist eine Überwindung der Ordnerstruktur nötig. Da es letztendlich egal ist, wo eine Information gespeichert ist, solange man sie wiederfindet, werden Ordnerstrukturen zugunsten von Volltextsuchen überleben. Suchmaschinen haben diese Entwicklung schon lange hinter sich. Während in den Anfängen des www noch versucht wurde Katalogsysteme aufzubauen, hat sich schon seit Jahren die Volltextsuche von Google durchgesetzt. Eine Volltextsuche für die eigene Festplatte wird somit im Zeitalter der exponentiellen Zunahme von Informationen auf der Basis digitaler Netze unerlässlich.

Die Generation, die jetzt mit Smartphones groß wird, wird sich fragen, wofür wir Ordner brauchen, die alten Computerhasen fragen sich hingegen, wo die Dateien auf den mobilen Devices sind, die sie erstellt haben. Ordner werden damit zu notwendigen Containern für kollaboratives Arbeiten, aber sie sind nicht mehr als Ort für eine Datei erforderlich.

Beim Projekt „Map“ von Aram Bartholl wurde eine Google Maps-Markierung in der Innenstadt von Arles platziert. Digitale Selbstverständlichkeiten werden in der analogen Welt zur Kunst.

Raum- und Zeitsouverän

Sobald Informationen einen digitalen Zustand einnehmen, war die Idee des Internets geboren. Denn nur so konnten sie auch ihrer Zweckbestimmung zugeführt werden und einem Empfänger zugestellt werden. Heute ist es das Normalste von der Welt, dass Bits in Sekunden um die Welt geschickt werden. Kommunikation hat seitdem seltsame Zwitter aus synchroner und asynchroner Kommunikation hervorgebracht. Projektsteuerung ist heute beides und die Email ist immer häufiger das, was früher der Chat war. Natürlich gab es diese Raum- und Zeitsouveränität schon jenseits digitaler Daten. Heute sind jedoch die Briefe, die früher von der Front 10 Tage bis nach Hause brauchten, in wenigen Sekunden bei ihren Empfängern.

Während im Digitalen Informationen one2many, many2one, many2many und one2one gleichwertig im selben Medium distribuiert werden können, ist das in der stofflichen Welt schwierig, weil es nur den Livezustand gibt. Nur technische, zumeist digitale Hilfsmittel ermöglichen eine asynchrone Darstellung der Ereignisse.

Dem Lernenden erschließt die Unabhängigkeit von Zeit und Ort ganz neue Optionen, wie zum Beispiel Englisch mit Native Speakern kommunikativ und eingebettet in die Lösung alltäglicher Probleme zu erlernen.

Vernetzt / verlinkt

Das Link, also der Verweis zwischen verschiedenen Informationen, ist heute das Blut in den weltumspannenden Netzen. Der Text wurde durch Links zu einem Hypertext, also einem Mehr als nur Text. Hypertexte können komplexe Sachverhalte darstellen, in denen Informationen frakmentisiert und miteinander verlinkt wurden. Die Wikipedia wäre ohne diese Hypertextstruktur in ihrer Benutzung sonst auch nicht mehr als ein gewöhnliches Lexikon. Die Verlinkung ist aber gleichzeitig das Herstellen von Beziehungen. Hypertexte haben die Linearität durchbrochen und die Erkenntniswege individualisiert. Informationen wurden immun gegenüber der Indoktrinierung. Die Bildung hätte es schon von Beginn an revolutionieren können, aber die Gestalter von Lernprozessen waren viel zu sehr damit beschäftigt, die Geschichte des Lernens noch einmal im Digitalen zu durchleben. Erkenntnistheoretisch orientierte Ansätze des Lernens im Digitalen wurden erst viel später entwickelt. Die behavioristische Konditionierung stand bei den Lernprogrammen vielfach und teilweise bis heute im Mittelpunkt.

Sogenannte „Dead Drops“ sind Datenträger, welche dem anonymen Offline-Austausch von Daten im öffentlichen Raum ermöglichen. Die Speichermedien werden leer platziert und werden von den Usern gefüllt.

Read/Write

Von Beginn des Internets an stand der Austausch von Informationen im Vordergrund. Es ging keinesfalls um neue Distributionskanäle, sondern immer um den gleichberechtigten Austausch. Bei den frühen Versionen des Netscape Navigators war der sogenannte Composer, mit dem man Webseiten erstellen konnte, in den Browser integriert. Dadurch gab es faktisch keinen Unterschied zwischen dem Browsen und dem Ins-Internet-Schreiben. Die Nutzenden konnten aber mit einer solchen Funktion wenig anfangen und so wurde die Funktion aus dem Browser entfernt. Schon zu lange wurden die Menschen darauf konditioniert nur zuzuhören. Das Beschreiben des Internets hat sich bis heute kaum etabliert und bleibt deshalb den die Öffentlichkeit Suchenden vorbehalten.

Die Verschmelzung von Digital und Analog

Analog und digital sind Gegenteile voneinander. Während das Analoge fließende Übergänge kennt, ist das Digitale per Definition diskret und kennt nur eindeutige Zustände. Das Analoge kennt deshalb unendlich viele Zustände, das Digitale besteht in der Regel aus wenigen Werten (in binären Systemen nur aus 0 und 1). Das Analoge wird repräsentiert durch die anfassbare, materielle Kohlenstoffwelt, das Digitale dagegen ist immateriell und gaukelt uns seine Materialität durch grafische Oberflächen vor. Es gibt also keine Schnittmenge zwischen dem Analogen und dem Digitalen und doch wird allzugerne versucht, das Analoge digital abzubilden. D.h. eigentlich haben analog und digital so viel miteinander zu tun, wie ein Vegetarier mit Fleisch, Schnittstellen gibt es keine.

Die „neuen“ Medien in der Bildung

Die Adaption des Analogen im Digtalen funktioniert also nicht und führt zu seltsamen Störungen. Fragen von computerdistanten Pädagogen wie „...und warum macht man das nicht ohne Computer?“ sind dann berechtigt, wenn keine Vorteile für den Lernprozess durch die Ausnutzung der digitalen Eigenheiten entstehen.

Der weitgehende Zugang zu Informationen auf der einen Seite, aber die exponentielle Zunahme von Informationen auf der anderen Seite fordern weniger eine Pädagogik, in der es um Leistung geht, sondern vielmehr um Sinnstiftung, die eine Orientierung bei der Selektion von Informationen bietet. Gebildet ist demnach nicht der, der viel weiss, sondern dem eine Orientierung in der Informationsflut möglich ist. Bildung im digitalen Zeitalter muss sich der Herausforderung stellen, die digitalen Geräte sinnvoll zu integrieren, statt sie aus dem Lernprozess zu verbannen.

Gelingen kann eine solche Integration durch die Abschaffung von Computerräumen. Nur wenn die Trennung zwischen Computer und Lernprozess aufgehoben wird, kann ein sinnvoller Einsatz digitaler Medien gelingen. Das führt zwangsläufig zu einer Auseinandersetzung zwischen den Lernenden über die Verwendung der ubiqutären Geräte, hilft aber auch Verabredungen darüber zu treffen, ob man im Gespräch die Geräte benutzt oder welche Rolle sie bei Inputphasen haben. Viele sind sich unsicher, ob der Blick auf das Smartphone unhöflich wirkt. Referenten fühlen sich teilweise gestört, wenn das Auditorium vereinzelt auf Tablets starrt. Ein Verbot von digitalen Geräten wirkt sich auf die Durchdringung von digitalen Medien in Bildungsprozessen kontraproduktiv aus, es muss also mit allen am Lernprozess Beteiligten verhandelt werden, solange, bis sich Verhaltensstandards durchgesetzt haben.

Lernen mit digitalen Medien setzt auch eine grundsätzliche Neuorientierung bestehender Rahmenbedingungen von Bildungsprozessen voraus. Denn daran hat sich trotz der Allgegenwart des Internets nichts geändert:

  • der Lehrende ist Wissensvermittler
  • der Lernende ist Informationsempfänger
  • Isolation statt Kollaboration
  • Kategorisierung in Richtig und Falsch

Die digitalen Medien fordern vom Nutzenden eine aktive Haltung. Während der Fernseher, das Radio, die Zeitung oder das Buch ihre Funktion auch dann erfüllen, wenn der Lernende konsumiert, erfordert das digitale Gerät ständige Eingaben. Der Nutzende erfährt sich dadurch nicht nur als Konsument, sondern auch als Produzent, der Informationen aus dem Netz hervorgehoben hat. Es fördert gleichermaßen die Fähigkeiten, sich selbst Wissensräume zu erschließen. Was früher noch surfen hieß, wird zunehmend zur Recherche und zur Erschließung von Zusammenhängen. Der Nutzende erfährt sich unbewusst als Autodidakt, der sich zum Beispiel mit Hilfe von Youtube ein Strickmuster beibringt oder das Jonglieren lernt.

Ebenso wie wir Bildung häufig passiv konsumieren und uns in die Obhut des Referenten ergeben, ist es ebenso fern, den Lernprozess aktiv zu dokumentieren, um anderen Lernenden eine Hilfestellung zu geben. Wer aber könnte besser einen Sachverhalt erklären als der, der ihn gerade verstanden hat. Die Pädagogik nennt es Peer2Peer lernen und meint das Sich-gegenseitig-etwas-Beibringen. Es entlehnt sich dem informellen Lernen von Anderen aus dem Internet.

Die Integration von digitalen Medien in Bildung erfordert auch die Stärkung von kollaborativen Elementen, bei denen die Lernenden aufeinander bezogen werden. Lernen ist vor allem ein sozialer Prozess, bei dem Konstrukte ausgetauscht, irritiert und angepasst werden. Sind digitale Medien zugegen, gilt diese Voraussetzung immer noch. Die Auseinandersetzung mit den Teilnehmenden tritt dabei in den Vordergrund, die Auseinandersetzung mit dem Referenten in den Hintergrund. Ein Beispiel: Die Teilnehmenden erstellen im Laufe des Bildungsprozesses ein gemeinsames Wiki, in dem Begriffe, Sachverhalte so beschrieben werden, wie sie verstanden wurden. Die den Wikis zugrundeliegende Vernetzung wird, wenn sie aktiv organisiert wird, zu einer Auseinandersetzung mit den Wikibeiträgen der Anderen führen, um eine sinnvolle Vernetzung zu ermöglichen. Dabei ist es nicht nur die spezifische Technik der Verlinkung, die die Auseinandersetzung mit den Beiträgen der Anderen ermöglicht, sondern auch die Produktionsorientierung. Das Lernprodukt ist jedoch nicht richtig oder falsch, sondern nur passend oder unpassend.

In Aram Bartholls „Vertical Cinema“ wird den Smartphone-Vertikal-Filmern eine Hommage dargebracht.

Fazit

Analog und Digital besitzen sehr unterschiedliche Eigenschaften. Nur dann, wenn es gelingt, jenseits der Adaption die spezifischen Bedingungen der beiden Welten zu nutzen, kann eine Pädagogik für das 21. Jahrhundert wachsen.

DER AUTOR

Guido Brombach

Guido Brombach hat Erziehungswissenschaften studiert und beschäftigt sich bis heute damit, wie Menschen lernen. Seit 2000 arbeitet er in der politischen Erwachsenenbildung im Bereich Computer und Medien. Das hat zwangsläufig zu einer Verknüpfung von Lernen und Medien geführt. Er sieht darin die Chance, Lernen in die zunehmend digital durchdrungene Wissensgesellschaft zu transformieren. Er twittert unter @gibro.

KONTAKT

Guido Brombach

DGB Bildungswerk e.V.

guido.brombach@dgb-bildungswerk.de
www.forum-politische-bildung.de.


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