Der eLearning-Autor

- das unbekannte Wesen

Wie findet der Autor seinen Auftrag? Wie findet die Agentur den richtigen Autor? Und was hat das mit Qualität zu tun? Der Sektkorken knallt. Es ist 2.00 Uhr nachts. Gerade hat sie ihr Notebook zugeklappt. Geschafft! Das E-Learning-Drehbuch ist endgültig fertig, inklusive aller Kunden-Korrekturen. Nun ist ihr Teil an dem Projekt abgeschlossen. Die Produktion kann beginnen. Jetzt ein Glas Sekt: Sie stößt zufrieden mit sich an.

Wer sind sie?

E-Learning-Autoren arbeiten häufig nachts, am Wochenende und an Feiertagen. Sie arbeiten meist alleine im HomeOffice oder in der Bürogemeinschaft. Sie reisen kurzfristig zu Kickoffs und Meetings oder telefonieren stundenlang mit dem Projektleiter und der Grafikerin.

Viele Drehbuchautoren arbeiten als Freelancer und habenso den Vorteil der Flexibilität und Unabhängigkeit - und alle Nachteile, die auch dazu gehören: Geringe Planbarkeit, kurzfristige Aufträge und manchmal lange Durststrecken. Sie kommen - bis auf einige Bildungswissenschaftler und Berufspädagogen - aus unterschiedlichsten Fachrichtungen: Physiker, BWLer, Biologen, Kunsthistoriker, Psychologen, Germanisten, Sozialwissenschaftler.

Vielfach haben sie eine Zusatzqualifikation im Bereich E-Learning. Die meisten haben eine "bunte" Berufsbiografie und sindQuereinsteiger. Das ist auch gut so, denn so bringen sievielfältige Erfahrungen und breit gefächertes fachliches Know How mit.

Wo sind sie?

Das Drehbuch ist also abgeschlossen und die Autorin trinkt jetzt wohl eher wieder Tee. Wie kam der Auftrag eigentlich zur Autorin? - Das wird ein ewiges Geheimnis bleiben. Und wie kam die Agentur aufden Autor? - Auch darüber liegt der Mantel des Schweigens. Denn so genau weiß man das alles nicht.

E-Learning-Autoren gibt es einige, vermutlich sogar viele. Aber wo sind sie?

  • Autoren sind kaum sichtbar – weder in Internet, noch auf Messen, Kongressen oder Events. Sie werden in Impressen nur sehr selten erwähnt, gegenüber Kunden kaum genannt, bei Preisverleihungen wenig direkt gewürdigt.
  • Autoren sind wenig vernetzt. Sie haben ihre eigenen kleinen, teilweise fast privaten Netzwerke, aber darüber hinaus sieht man sie nicht. Sie haben keine Interessenvertretung und keine Lobby. Sie sind Einzelkämpfer mit recht individuellen Strategien der Akquise und des Marketings.

Das ist überraschend, denn mit der Arbeit des Autors steht und fällt das Konzept einer ganzen Lernanwendung. Der Ideenreichtum und die methodische Kompetenz, die der Autor einbringt, entscheiden über den Erfolg des Lernmoduls. Der Autor nimmt im gesamten Produktionsprozess eine zentrale Stellung ein, dennoch findet er wenig Beachtung.

Wie findet man sie?

Bevor der Auftrag bei unserer Autorin auf dem Schreibtisch lag, hat sie ihre aktuelle Durststrecke mit Wassertrinken bekämpft. Dann kam plötzlich dieser Anruf der Agentur: Ob sie Zeit habe, in den nächsten drei Wochen ein Konzept und ein Drehbuch zu schreiben.

Noch einmal die Frage: Wie ist die Agentur auf sie gekommen? Viele Agenturen haben einen festen Stamm von freien Autoren, die sich in der Zusammenarbeit bewährt haben. Darauf greifen sie als erstes zurück, wenn sie das anstehende Projekt nicht durch eigene Ressourcen abdecken können. Aber natürlich gibt es die Situation, dass die bewährten Autoren alle ausgebucht sind, weil wieder einmal ein Projekt sehr kurzfristig realisiert werden soll. Oder die Thematik des anstehenden Projektes kann nicht vom bestehenden Autorenstamm abgedeckt werden.

Info

Gise Ruprecht steht für Lern.ON, ein kleines aber feines Angebot im E-Learning-Dschungel:
• Konzeptentwicklung für Bildungsmaßnahmen und einzelnen E-Learning-Module
• Erstellung von E-Learning-Drehbüchern und Storyboards
• Coaching und Monitoring im Prozess der E-Learning-Erstellung
• Workshops zur Drehbucherstellung

Nach dem Studium der Politikwissenschaft und Germanistik an der Universität Tübingen war Gise Ruprecht freiberufliche Bildungsreferentin in der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung, arbeitete als Redakteurin für Print-Bildungsmedien, schrieb ein Buch über Bildung und Internet und war als Projektmanagerin für E-Learning tätig. 2004 machte sie sich mit Lern.ON selbstständig.

Was macht die Agentur dann? Suchen natürlich.

Dafür gibt es allerdings keinen Königsweg, denn – siehe oben – Autoren sind nicht sichtbar. Mögliche Suchstrategien sind:

  • Die eigene Autoren-Datenbank durchforsten und Autoren ansprechen, mit denen bisher noch keine Zusammenarbeit statt gefunden hat
  • Kollegen im eigenen Haus gezielt nach ihren Kontakten fragen
  • Netzwerk-Kontakte außerhalb des eigenen Hauses befragen
  • Empfehlungen von anderen Autoren oder Netzwerkpartnern folgen
  • In Online-Netzwerken recherchieren, z.B. bei Xing und anderen Plattformen, bei Seminar- oder Trainerportalen

Was sichert die Qualität?

Auf einem dieser Wege wurde unsere Autorin gefunden. Und dann hat sie sich Werk gemacht. In den folgenden drei Wochen hat sie viel Kaffee – sehr viel Kaffee – getrunken, um den ehrgeizigen Zeitplan einhalten zu können.

Der Prozess sieht in der Regel so aus: Der Autor entwirft das Konzept in mehreren Schritten: Exposee, Grobkonzept, Feinkonzept.
Dann folgt die Drehbucherstellung. Steht das Drehbuch, kann die weitere Medienproduktion erfolgen. Wo steckt darin nun die Qualität?

Drei wesentliche Aspekte sind hier ausschlaggebend:

  1. Die Qualität des Autors: Hier gibt es eine Vielzahl von Kriterien (s.u.), die je nach Projekt unterschiedlich gewichtet werden müssen. Denn Edutainment für jugendliche Konsumenten stellt andere Anforderungen als eine Weiterqualifizierung im internationalen Handelsrecht.
  2. Die Qualität des Prozesses: Eine Vielzahl an Projekten findet unter Zeitdruck statt. Wenn der Projektplan aufgestellt wird, werden die Abgabetermine für Grob-, Feinkonzept und Drehbuch festgezurrt. Selten wird jedoch eingeplant, dass jeder Prozessschritt mindestens zwei Korrekturrunden mit dem Kunden benötigt. Das ist ein entscheidender zeitlicher Faktor. Werden die Korrekturen vom Kunden und vom Autor unter hohem zeitlichen Druck durchgeführt, kommt es zu Fehlern, werden Interaktionen nicht zu Ende gedacht oder entstehen Brüche im inhaltlichen Fluss. Autoren haben auf den Zeitplan nur bedingten Einfl uss. Es wäre aber an ihnen, darauf hinzuweisen, welche Risiken knapp bemessene Zeitpläne bergen.
  3. Art Direction: In der überwiegenden Zahl der Projekte werden Autoren beauftragt, Konzeption und Drehbuch zu erarbeiten. Ist dieser Part abgeschlossen, haben sie mit der restlichen Produktion nichts oder kaum mehr etwas zu tun. In vielen Produktionen fehlt jedoch eine Person, die Grafik, Sprechertext, Animation, Interaktion und Screentext zu einem in sich stimmigen Gesamtwerk zusammenbindet. Ein Feintuning von Tonalität, Geschwindigkeit und Ästhetik, wie es in anderen Medienbereichen von Art Directoren übernommen wird, gibt es im E-Learning kaum. Das könnte auch Aufgabe der Autoren sein. Oft genug übernehmen Autoren diese Aufgabe im Rahmen der Qualitätssicherung, aber es wird nicht entsprechend honoriert.

Mehr Vernetzung, mehr Sichtbarkeit

Die geringe Sichtbarkeit und Vernetzung von Autoren ist erstaunlich, denn in Netzwerken stecken viele Chancen: Durch Erfahrungsaustausch und fruchtbare Diskussionen, Debatten über innovative methodische Ansätze und Standards sowie die gemeinsame Entwicklung von Innovationen könnten Autoren voneinander profitieren. Und damit – ganz nebenbei – die Qualität ihrer Konzepte und Drehbücher steigern. Darüber hinaus könnte es gegensei-
tige Empfehlungen geben, so dass nicht nur den Autoren, sondern auch den Agenturen an vielen Stellen geholfen wäre. Es wäre schön – und es ist nicht unmöglich!

Woran erkennt man die Qualität eines Autors?

Je nachdem, welche Gewichtung für das aktuelle Projekt wichtig ist – genialer Ideengeber, strukturierter Runter-Arbeiter, fachlicher Experte – werden die hier genannten Kriterien bei der Autorensuche sicherlich unterschiedlich gewichtet werden.

Schwerpunkte

  • Welche Schwerpunkte bezogen auf das Endprodukt hat der Autor? Z.B. WBTs, Online-Kurse, Trailer, Edutainment, Mobile Learning, Gaming
  • Welchen Teil des Produktionsprozesses kann der Autor abdecken?
    • Konzeption
    • Grob-, Feinkonzept
    • Drehbuch/Storyboard
    • Grafikerstellung
    • Produktion mit Autorentool
    • Art Direktion

Expertise

  • Welche fachliche Nähe bringt der Autor mit?
  • Welche methodischen Kompetenzen sind vorhanden?
  • Woran erkennt man das?
    • Referenzen
    • Dauer der Marktteilnahme
    • Berufl icher Werdegang
    • Web-Präsenz
    • Arbeitsproben, am besten aus unterschiedlichen Produktionsstufen
    • Ist deutliche Struktur gut erkennbar?
    • Adressatengerecht formuliert?
    • Fachliche Hintergründe verständlich dargestellt?
    • Dem Lernziel angemessene Interaktionen?
    • Kreative Umsetzungsideen?
    • Eigenständiges Recherchieren

Kreativität

  • Wie ideenreich und kreativ ist der Autor?
  • Hat der Autor eigenständige Ideen für Interaktionen und bewegte Darstellungsweisen?
  • Kann er innovative, ungewöhnliche Konzepte entwickeln?
  • Kann der Autor Geschichten erzählen?
  • Welche Kenntnisse in Bezug auf Gestaltung und Ästhetik bringt der Autor mit?

Zusammenarbeit und Atmosphäre

  • Zusammenarbeit
    • Kann sich Autor in vorhandene Strukturen und Prozesse einbringen?
    • Bringt Autor eigene Strukturen und Prozesse mit?
  • Atmosphäre
    • Gibt es eine gemeinsame „Arbeitssprache“?.
    • Stimmt die „Chemie“ zwischen Autor und Projektleiter/Agentur?

Kontakt

Lern.ON
Ansprechpartner: Gise Ruprecht
Lange Str. 38
58089 Hagen
info(at)lernon.de
www.lernon.de


SoftDeCC



Aktuelle Publikation:

eLearning Journal - 2/2017
Kaufberater & Markt 2017/2018
>> Jetzt bestellen eLJ2/2017