Wird Mobile Learning durch die junge Generation unvermeidlich?

Mit der zunehmenden Digitalisierung wachsen auch die Erwartungen und Anforderungen der heranwachsenden Generationen in Bezug auf die Bildungsangebote und Vermittlungsformate. Herr Prof. Dr. Dittler gibt uns auf der LEARNTEC 2018 in seinem Vortrag Aufschluss darüber, welche Vorteile er im Mobile Learning sieht und wo er noch Entwicklungspotential erkennt.

eLearning Journal: Guten Tag Herr Prof. Dr. Dittler. Können Sie zunächst sich und Ihre Tätigkeiten an der Hochschule Furtwangen vorstellen?

Prof. Dr. Ullrich Dittler: Nachdem ich mehrere Jahre die Abteilung „Neue Medien“ in einem großen Deutschen Finanzdienstleistungsunternehmen geleitet habe und dort beispielsweise die Entwicklung zahlreicher – damals noch CD-basierter - Lernprogramme verantwortet und die Einführung einer unternehmensweitern Lernplattform begleitet habe, wurde ich im Jahre 2000 an die  Fakultät „Digitale Medien“ der Hochschule Furtwangen berufen. In unseren Studiengängen Medieninformatik, OnlineMedien und Medienkonzeption lehre ich beispielsweise die Fächer „E-Learning und Online-Learning“ und „Medienpsychologie“. Darüber hinaus bin ich stellv. Leiter des „Informations- und Medienzentrums (IMZ)“ unserer Hochschule, seit 2009 bin ich zudem Mitglied des Hochschulrats unserer Hochschule und schon seit 2008 durch das Ministerium für Wissenschaft und Kunst in den Lenkungsausschuss für Hochschuldidaktik des Landes Baden-Württemberg berufen.

eLearning Journal: In Ihrem Vortrag geht es um die Integration von Mobile Learning mit anderen Lernformaten. Was sind Ihrer Meinung nach die Vorteile von Mobile Learning?

Prof. Dr. Ullrich Dittler: Primär geht es in meinem Vortrag um die Erwartungen, die die nachwachsenden Generationen, – die als erste Generationen komplett mit mobilen SmartDevices aufgewachsen sind – an Bildungsangebote stellen: Diese jungen Menschen, die schon jetzt als Auszubildende in Unternehmen und Berufsschulen oder als Studierende in Hochschulen angekommen sind, haben schon jetzt andersartige Medienbiographien und -kompetenzen und vor allem auch andere Erwartungen an Bildungsangebote, als alle Generationen vor ihnen. In wenigen Jahren werden diese jungen Menschen als Arbeitnehmer in Unternehmen eintreten und dort ebenfalls massiv andere Aus- und Weiterbildungsformen erwarten und einfordern. Und ein wesentlicher Treiber für diese veränderten Erwartungen an Bildungsangebote sind natürlich die jederzeitige und ubiquitäre Verfügbarkeit von mobilen Devices wie Smartphones und Tablet-PCs.

eLearning Journal: Was sind Ihrer Erfahrung nach typische Stolpersteine, die bei einer Integration von Mobile Devices in Lernkontexte beachtet werden müssen?

Prof. Dr. Ullrich Dittler: Bei der Einführung von multimedialen Lernprogrammen in den 90er Jahren oder von Lernplattformen in der 2000er Jahren sind wir, ebenso wie bei der Einführung von LernWikis und -Blog in den 2010er Jahren, davon ausgegangen, dass wir die Lernenden an die neuen Lernwelten heranführen müssen. Hierfür wurden in Unternehmen umfangreiche und aufwändige Schulungs-, und Begleit-Maßnahmen entwickelt. Das war damals sicherlich wichtig, heute verfügen die jungen Menschen jedoch über massive Medienerfahrungen und -kompetenzen aus dem privaten Umfeld – in dem sich die Unterhaltungsmedien (Stichwort: Streaming-Angebote), die Kommunikationsmedien (Stichtwort: differenzierte Soziale Netzwerke und Kommunikationstools, die sehr zielgerichtet gewählt und eingesetzt werden – Instagram, Strava, WhatsApp, aber auch noch Facebook und Twitter) und die Informationsmedien sehr viel schneller ändern, als dies im Hochschulkontext und Unternehmenskontext der Fall ist. Unternehmen und Hochschulen sehen sich plötzlich nicht mehr in der Rolle, in der sie Nutzer an die neuen Technologien heranführen müssen, sondern sie müssen sich an den geänderten Erwartungen und Erfahrungen der Nutzer orientieren.

eLearning Journal: Welches Sicherheitsrisiko geht von mobilen Endgeräten aus und wie kann dieses minimiert werden?

Prof. Dr. Ullrich Dittler: In sehr vielen Fällen geht der Einsatz von mobilen Endgeräten mit dem Bring-Your-Own-Device-Ansatz einher – in Hochschulen vollständig, in Unternehmen auch immer mehr. Wenn Studierende oder Mitarbeiter ihre eigenen Endgeräte mitbringen, so spart dies zunächst erhebliche Mittel für die Bereitstellung der Hardware und deren Wartung;

es entsteht aber natürlich sehr schnell eine Anspruchshaltung der Nutzer gegenüber Hochschule oder Arbeitgeber, wenn es um die Einbindung und Unterstützung der Devices im Hochschul- oder Unternehmenswetzwerk geht: Es müssen dann nicht nur definierte Devices unterstützt werden, sondern alle möglichen Endgeräte. Durch die fehlende Kontrolle der im Netzwerk agierenden Endgeräte ergeben sich Sicherheitsrisiken, die mit deutlich erhöhtem Aufwand minimiert werden müssen. Als Fazit können zwar Kosten für Endgeräte gesenkt werden, die Aufwände für die Einbindung der BYOD-Geräte und für Datensicherheit und -schutz steigen hingegen massiv.

eLearning Journal: Welche Akzeptanz hat Mobile Learning Ihrer Erfahrung nach bei den Lernenden? Wie kann die Akzeptanz positiv beeinflusst werden?

Prof. Dr. Ullrich Dittler: Der tägliche – eher schon stündliche – Umgang mit Mobilen Devices ist (mindestens für die Menschen unter 30 Jahren) eine völlige Selbstverständlichkeit. Hier sind keine Akzeptanzprobleme feststellbar, wenn die Lernangebote sich an den Erwartungen und Gewohnheiten dieser Zielgruppe (beispielsweise bzgl. Präsentationsformen und Aspekten des Storytelling oder Gamification) orientieren. Wenn jedoch bestehende Computer Based Trainings (CBTs), die ursprünglich vor Jahren für die Verwendung am PC entwickelt wurden, 1:1 auf Mobile Devices transferiert werden, dann ist mit entsprechenden Akzeptanzproblemen zu rechnen, da natürlich die Inhalte und die Präsentation den neuen Medien angepasst werden muss. Dies war aber auch schon so, als aus Lehrtexten seinerzeit CBTs entwickelt wurden: Zunächst wurden vielerorts nur Texte zum Blättern auf PCs angeboten und erst als aus den Inhalten die für PCs angemessene Form der CBTs entwickelt wurden, stieg die Akzeptanz für diese Form des elektronischen Lernens. Jedes neue Lernmedium benötigt neue und angepasste Lernkonzepte.

eLearning Journal: Was zeichnet Ihrer Meinung nach ein gutes Lernkonzept für den Einsatz auf mobilen Endgeräten aus? Welche Unterschiede gibt es im Vergleich zum Desktop?

Prof. Dr. Ullrich Dittler: Aus der Nutzungs- und Rezeptionssituation von mobilen Endgeräten ergibt sich, dass die Lerneinheiten deutlich kürzer sein müssen, als bei bisherigen Lernmedien. Zudem unterscheiden sich die Bildschirmgrößen von Smartphones bis hin zu Tablet-PCs so stark, dass Text als vermittelndes Medium in vielen Fällen wegfällt. Der zentrale Unterschied ist aber sicherlich darin zu sehen, dass mit mobilen Devices örtlich und vor allem auch zeitlich sehr viel dichter am Problem gelernt wird: Es werden weniger Wissen oder Kompetenzen auch Vorrat vermittelt, sondern Lernen findet zunehmend mehr unmittelbar im Umfeld eines aufgetauchten Problems statt – der Lernende hat jetzt ein Problem und benötigt genau jetzt eine Lösung. Als Lernform für derartige Anforderungssituationen zeichnet sich Augmented Reality als ggf. geeignete Lösung ab – für die Vermittlung komplexer, umfassender und umfangreicher Ausbildungsinhalte, wie wir sie derzeit in der grundständigen Berufsausbildung oder in Studiengängen zusammenfassen, erscheint das Lernen mit mobilen Endgeräten und das Lernen mit AR derzeit weniger geeignet.

eLearning Journal: Zum Abschluss: Warum sollte man Ihren Vortrag auf der LEARNTEC 2018 auf keinen Fall verpassen?

Prof. Dr. Ullrich Dittler: Wenn man meinen Vortrag auf der LERNTEC verpasst, und das ist bei den zahlreichen und spannenden Alternativvorträgen durchaus gut möglich, dann kann man die Gedanken, die ich im Vortrag ausführe, auch nachlesen in meinen letzten beiden Büchern „E-Learning 4.0: Mobile Learning, Lernen mit Smart Devices und Lernen in Sozialen Netzwerken“ (erschienen bei DeGruyter/Oldenbourg) und  „Hochschule der Zukunft: Beiträge zur zukunftsorientierten Gestaltung von Hochschulen“ (erschienen bei Springer). Aber ich freue mich natürlich über jeden Zuhörer beim Vortrag und den anschließenden Gesprächen.

LEARNTEC-Kongress

Vortrag:
Integration von Mobile Learning mit anderen Lernformen
Referent: Prof. Dr. Ullrich Dittler, Hochschule Furtwangen Informatik, Technik, Wirtschaft, Medien
Ort: Messe Konferenz Center | Konferenzraum 8/9
Zeit: Dienstag | 30.01.2018 | 16:00 - 16:45 Uhr

KONTAKT

Prof. Dr. Ullrich Dittler

Hochschule Furtwangen Informatik, Technik, Wirtschaft, Medien

ullrich.dittler(at)hs-furtwangen.de
www.hs-furtwangen.de

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