Virtual Classrooms – Die moderne Alternative zu klassischen Lehrveranstaltungen?

Frau Geisler, Expertin für neue Lerntechnologien, beschäftigt sich seit 2004 intensiv mit dem Thema Virtual Classroom. In ihrem Vortrag auf der LEARNTEC 2018 geht sie unter anderem darauf ein, welche Vorteile sie im Nutzen eines Virtual Classrooms sieht und wo die Hauptaufgaben sowie Schwierigkeiten der Lehrkräfte solch moderner Klassenräume liegen.

eLearning Journal: Guten Tag, Frau Geisler. Könnten Sie sich zu Beginn einmal kurz vorstellen?

Inga Geisler: Nach einigen Jahren Trainererfahrung mit Schulungen im IT Bereich, bin ich 2003 zum eLearning gekommen. Dort habe ich mich als Expertin für neue Lerntechnologien mit verschiedenen Medien beschäftigt, mit denen man online lernen kann. Sehr schnell war für mich klar, dass der Virtual Classroom mein Favorit ist. Daher habe ich meinen Schwerpunkt auf dieses Thema verlagert und unterstütze seit 2004 Menschen, die virtuelle Räume für Live-Online-Trainings, Webinare und Online-Meetings nutzen. Ich berate meine Kunden bei der Implementierung von diesen Systemen und bei der Konzeption von Blended Learning-Szenarien. Da ich selbst so eine begeisterte Online-Lernerin bin, habe ich 2010 den Berufsverband für Online-Bildung e.V. mitgegründet und organisiere dort aktuell seit einigen Jahren die „virtuelle Winter-Akademie“. Meine Erfahrungen mit Trainings im Virtual Classroom habe ich – zusammen mit meiner Kollegin Silvia Luber - in meinem ersten Buch „Online Trainings und Webinare“ niedergeschrieben, das 2016 im Beltz Verlag erschienen ist.

eLearning Journal: In Ihrem Vortrag auf der LEARNTEC 2018 wird es um das Thema „Virtual Classroom“ gehen. Was spricht Ihrer Erfahrung nach für und was gegen den Einsatz von virtuellen Klassenräumen?

Inga Geisler: Da ich quasi im Virtual Classroom wohne (grins), habe ich natürlich mehr Vor- als Nachteile parat: Für mich liegt der größte Vorteil im Lerntransfer, der länger und nachhaltiger gesichert werden kann. Wir „treffen“ unsere Lerner an dem Ort, an dem sie sich gerade aufhalten und begleiten sie über einen Zeitraum beim Aufbau ihrer Fähigkeiten und Kompetenzen. Durch die Möglichkeiten des direkten Austausches sowie der Interaktionen zwischen Lernern und Lernbegleitern, wird das Lernen optimal gefördert und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit entsteht. Das motiviert und schafft Vertrauen.

Natürlich gibt es Aspekte, die in einem Virtual Classroom nicht abbildbar sind, wie zum Beispiel die komplette Mimik und Gestik und der Geruch eines Menschen. Wenn überhaupt, so ist nur ein Teil des Menschen sichtbar und es braucht länger, das Gegenüber besser kennen und einschätzen zu lernen. Auch bestimmte Themen, wie z. B. das Erlernen von Funktionen einer Maschine, sind nur bedingt dort erlernbar. Aber es geht mehr, als man denkt.

eLearning Journal: Virtual Classrooms sollen in gewisser Weise das Gefühl von Präsenzveranstaltungen und „Face-to-Face“-Interaktion in ein digitales Setting überführen. Können Virtual Classrooms daher Ihrer Meinung nach Präsenzveranstaltungen ersetzen? In welchen Situationen eignet sich der Einsatz von Virtual Classrooms und wann ist doch der traditionelle Klassenraum vorteilhaft?

Inga Geisler: Es ist möglich, ein Präsenztraining komplett durch ein Live-Online-Training zu ersetzen! Jedoch kommt es auf die Zielsetzung und die Umstände an, wann dies sinnvoll ist. Um eine Lerngruppe auf ein längerfristiges Lernszenario einzustimmen, ist eine Präsenzveranstaltung mit intensivem Kennenlernen optimal. Sie sollte jedoch nicht dazu eingesetzt werden, reines Faktenwissen zu vermitteln, sondern den Schwerpunkt auf gemeinsame Aktionen (z. B. Rollenspiele, Gruppen- oder Projektarbeiten) und dem Austausch von Erfahrungen legen. Wir sprechen bei einem Mix aus Online- und Präsenzphasen von Blended Learning. Das ist aus meiner Sicht ein optimales Lernszenario.

eLearning Journal: Wenn es um betriebliche Bildung geht, dann gehört die Motivation der Lerner in der Regel zu den entscheidenden Erfolgskriterien. In Ihrem Vortrag geht es insbesondere auch um die Motivation im Setting von Virtual Classrooms. Wie wichtig ist Ihrer Erfahrung nach die Motivation der Teilnehmer für den Erfolg oder Misserfolg von VCs? Kann man als Trainer/Dozent gezielt die Motivation der Teilnehmer eines VCs steigern? Falls ja, wie?

Inga Geisler: Die Motivation sehe ich als den „Motor“ für das Lernen! Ist diese nicht oder nur teilweise vorhanden, kann ich den Lerner nur schwer „erreichen“ und ihn/sie zu Verhaltensänderungen bewegen. Das gelingt online noch schwerer als in der Präsenz. Schon vor Beginn des Virtual Classroom Trainings kann ich als Trainer/Lernbegleiter dazu beitragen, dass der Lerner motiviert ist. Zum Beispiel durch einen Technik-Check zur Sicherstellung des einwandfreien Zuganges. Denn nichts ist demotivierender, als vor seinem Rechner zu sitzen und den Trainer/Lernbegleiter nicht zu hören oder selbst nicht sprechen zu können. Auch Vorgesetzte und Kollegen können dazu beitragen, indem sie das Lernen am Arbeitsplatz anerkennen und die Voraussetzungen schaffen (z. B. ruhiger Raum und Lernzeit).

Während des Live-Online-Trainings gilt es, die Lerner immer wieder mit einzubeziehen und selbst aktiv sein zu lassen – z. B. durch Gruppenarbeiten oder regelmäßige Interaktionen am Whiteboard. Immer wieder erlebe ich, dass langweilige Folienschlachten mit viel Text geschlagen werden, um reines Faktenwissen zu vermitteln. Da ist es klar, dass Lerner lieber ihre dringenden Mails beantworten oder einen Kaffee mit Kollegen trinken gehen. Auch Veranstaltungen mit hunderten Menschen sind keine Seltenheit. Was technisch machbar ist, ist jedoch didaktisch nicht immer sinnvoll. Hier rate ich zu Lerngruppen von maximal 10 Personen, um jeden Menschen „sichtbar“ zu machen.

Der Virtual Classroom kann auch nach dem eigentlichen Lernevent als Raum für Treffen von Lerngruppen oder für virtuelle Sprechstunden mit dem Lernbegleiter genutzt werden. Denn wer auf dem Weg begleitet wird, lernt nachhaltiger!

eLearning Journal: Vor welche konzeptionellen Herausforderungen werden Weiterbildungsverantwortliche und Trainer beim Einsatz von virtuellen Klassenräumen gestellt? Wie unterscheiden sich Lehren und Lernen im Klassenzimmer vom Virtual Classroom?

Inga Geisler: Weiterbildungsverantwortliche sollten vor und zu Beginn der Maßnahme stärker in Verbindung mit dem Lerner treten. Ganz wichtig ist eine enge Begleitung für einen erfolgreichen Start. Neben dem technischen Support sollte schon frühzeitig eine Verbindung zum Trainer/Lernbegleiter hergestellt werden, um individuelle Bedürfnisse besser im Lern-Event einfließen lassen zu können. Denn im Live-Online-Training ist man nur bedingt flexibel aufgrund von technischen und zeitlichen Gegebenheiten.

Trainer/Lernbegleiter sollten noch stärker als in der Präsenz das Hauptaugenmerk auf den Wissens- und Erfahrungsaustausch legen. Vermittlung von Informationen spielen zwar auch eine Rolle, sind jedoch auch durch andere Medien abbildbar (z. B. WBT, Lernvideo oder pdf).

Die Kommunikation ist ein wesentlicher Unterschied zur Präsenz. Was vor Ort oft ohne Worte „sichtbar“ wird, muss im Live-Online-Training explizit angesprochen werden. Hier ein Beispiel: Stelle ich in der Präsenz die Frage „Gibt es noch weitere Fragen?“, so sehe ich an der Körperhaltung und dem Ausdruck im Gesicht, wie die Antwort lautet. Wenn ich diese Frage so im Live-Online-Training stelle, erhalte ich größtenteils Schweigen oder vereinzelte Antworten im Textchat. Hier sollte ich besser eine klare Anweisung geben, über welches Medium ich die Antwort erwarte: „Wenn Sie noch Fragen haben, klicken Sie bitte auf das Feedback-Symbol mit dem grünen Haken und ansonsten auf das rote Kreuz“. Somit stelle ich sicher, dass ich von allen Teilnehmern eine Rückmeldung erhalte.

eLearning Journal: Zum Abschluss: Warum sollte man Ihren Vortrag auf der LEARNTEC 2018 auf keinen Fall verpassen?

Inga Geisler: Weil die Teilnehmer aktiv mitwirken und viele Tipps und Tricks aus der Praxis mitnehmen können!

LEARNTEC-Kongress

Vortrag:
Juhu, ich bin dabei! Wie Sie Ihre Teilnehmer für das Live-Online-Lernen begeistern
Referentin: Inga Geisler, Online Moderation & Training
Ort: Messe Konferenz Center | Konferenzsaal
Zeit: Mittwoch| 31.01.2018 | 11:00 - 11:30 Uhr

KONTAKT

Inga Geisler

Online Moderation & Training

info(at)ingageisler.de
www.ingageisler.de


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