Personal Learning Environment

Persönliche Lernumgebungen -  Mehr Wissen pro Zeit?

Lernmanagementsysteme an Hochschulen haben nicht nur eine Tradition, sondern auch eine bewegte Geschichte. Die Phase in der sich die Hochschulen derzeit befinden könnte man wohl als jene der post-kommerziellen LMS bezeichnen. Während das Thema LMS an Hochschulen meist nur für die direkt betroffenen Interessant zu sein scheint, attestiert der Blick in die Vergangenheit, auf die Gegenwart und in die Zukunft den universitären Bildungseinrichtungen dieses Landes vor allem eines: Wandlungsfähigkeit.

Die bekannteste Studie für den amerikanischen Markt kam Mitte der ersten Dekade des neuen Jahrtausend von Jay Cross, der das - noch heute kontrovers diskutierte - 20:80-Verhältnis prägte: 80% dessen, was wir Lernen, erfassen wir durch informelles Lernen und dies nimmt gerade einmal 20% der Ressourcen in der Weiterbildung ein. Reziprok dazu verhält sich das formale Lernen: 80% der Kosten stecken hier und bringen nur 20% des gesamten Wissens, welches ein Mensch akquiriert. Jay Cross formulierte es sehr passend so:


„Das meiste von dem, was wir lernen, lernen wir von anderen Leuten - Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel, Geschwistern, Spielkameraden, Cousins und Cousinen, Klassenkameraden, Kommilitonen, Teamkameraden, Kollegen, Chefs, Mentoren, Klatsch und Tratsch, Nachbarn und von unseren eigenen Kindern. Manchmal lernen wir sogar etwas von unseren Lehrern.“

Kurz vor der Studie von J. Cross veröffentlichte das Bundesministerium für Bildung und Forschung das „Berichtssystem Weiterbildung VIII“, einen integrierten Gesamtbericht zur Weiterbildungssituation in Deutschland. Veröffentlicht wurde der Bericht im April 2003. Dieser kommt auf Seite 187 zu dem Schluss, dass rund 70% dessen, was wir lernen, durch informelles Lernen erfolgt.


Auch wenn die Zahlen dieses Anteils schwanken, so steht doch fest, das informelles Lernen einen wichtigen Anteil hat - und betrachtet man, wie der menschliche Lernprozess funktioniert, kann es darüber auch keine Uneinigkeit geben - wir lernen eben am meisten, ohne dass wir das bewusst mitbekommen oder uns bewusst darauf konzentrieren müssten.

Formales, informelles und non-formelles

Formales, informelles und non-formelles Lernen - die „Dreifaltigkeit“ des Lernens stellt viele Lernlösungen und Bedarfs- bzw. Zielermittlungen auf die Probe. Formales Lernen - wie soeben beschrieben - macht 20% dessen, was wir lernen, aus. Die anderen 80% entfallen auf das informelle und auch - so viel Zeit muss sein -  auf das non-formelle Lernen. Diese Unterteilung ist natürlich nicht ganz sauber, da es auch noch das sog. inzidentielle Lernen gibt (das zufällige Lernen, das dann aber unverarbeitet und unreflektiert bleibt und u.U. so schnell wieder verschwinden, wie es gekommen ist; damit also zufällig ist.)

Non-formelles Lernen ist das Bindeglied - der Hybrid - aus formalem und informellem Lernen. Non-formelles Lernen ist zielgerichtet, jedoch außerhalb der standardisierten (formalisierten) Pfade des Lernens. Durch non-formelles Lernen kann man sich zielgerichtet ein bestimmtes Thema aneignen, ohne dass man hierzu spezielle Kurse besuchen müsste, und kann darüber dann einen formalen Nachweis erhalten.

Das Wissen sucht man sich selbst im Web, in Büchern oder sonst wo. Am Ende steht ein individualisierter, nicht formalisierter, persönlicher Lernweg, der eine formale Qualifikation mitbringt.

Non-Formal = Unorganisiert?

Nun mag man annehmen - und damit läge man völlig falsch - dass non- und informelles Lernen, weil nicht formalisiert und zielgerichtet, chaotisch und unorganisiert ist. Dem ist aber gerade nicht so. Vielmehr ist es so, dass diesen Lernprozessen eine ganz eigene Dynamik und Ordnung zugrunde liegt.

Der Lerner selbst organisiert diese Prozesse für sich. Das erfolgt nicht immer bewusst und muss auch nicht durch einen Außenstehenden sinnvoll oder nachvollziehbar sein.  Tatsächlich organisieren wir unsere Wissensquellen aber sehr genau.

Die „Echtheit“ dieser Quellen beurteilen wir intuitiv, über das neue Wissen reflektieren wir, ohne dass wir bewusst denken würden „Jetzt, in diesem Augenblick, lerne ich etwas“. Die schiere Menge des Wissens, was wir so akquirieren, ist - seien es nun besagte 70 oder 80% - riesig.

Umso mehr interessiert sich eine ganze Branche für das informelle Lernen und wie man dies nutzen kann - bringt es doch 70-80% des Wissens für nur 20-30% des Aufwands (Kosten o.ä.). Eine Lösung scheinen die PLEs zu sein.

PLE - Personal Learning Environment

Eine persönliche Lernumgebung soll die Persistenz - also das Bestehenbleiben von gesammelten Wissenshäppchen (sog. Artefakten) - unterstützen. Man lernt also informell, wie man es möchte und wie einem der „Geist gewachsen ist“, hat aber technische Hilfsmittel („Tools“) zur Verfügung, die diesen Prozess unterstützen und dessen Ergebnisse aufbewahren - z. B. in einer Datenbank.

Der Lerner organisiert sich dabei weiterhin selbst und lernt so, wie es ihm passt. Nur der „Lernabdruck“, den der Lerner mit seinen informellen Sieben-Meilen-Stiefeln hinterlässt, wird abgebildet.

Sinn und Funktion eines PLE

Graham Attwell hat 2008 in dem Artikel „Maturing Learning - Mashup Personal Learning Environments“ eine Liste erstellt, die wiedergibt, welche Funktionen ein PLE übernehmen sollte. Das umfasst das Sammeln und Strukturieren von Informationen, das Anpassen und Ändern von akquirierten Informationen, die Analyse dieser Informationen, die Reflektion über diese Informationen, das Präsentieren von Wissen, das Teilen und Netzwerken mit anderen Leuten und das Repräsentieren von Wissen, also  „wiederveröffentlichen“ des neuen Wissens in der Form, dass es nicht lediglich eine flache Reproduktion, sondern eine inhaltliche Aufbereitung dergestalt ist, dass dieses Wissen einen Mehrwert darstellt - etwa mit neuem Problemlösungspotential. Auch bedeutet das Repräsentieren, dass der Lernende eine Form der Identifikation mit seinem Fachgebiet erlangt, was auf dem Weg zum „Expertentum“ ein Schlüsselfaktor ist.

Natürlich darf an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass es hier durchaus Parallelen zur Heisenbergschen Unschärferelation geben könnte: macht man den Prozess des informellen Lernens durch bestimmte Werkzeuge in einer PLE sichtbar, so nimmt man damit wiederum Einfluss auf die Art, wie dieser Prozess abläuft.

Schlussgedanke

Ein PLE kann also durchaus die Durchschlagskraft informellen Lernens kanalisieren und damit einen gemeinschaftlichen Mehrwert generieren. Auf den ersten und auch auf den zweiten Blick mutet das zunächst erst einmal widersprüchlich an: informelles Lernen durch Tools unterstützen die das Potenzial haben, den informellen Lernprozess in Teilen - und sei es nur durch die Methodik des Sichtbarmachens - zu formalisieren?!

Doch das scheinbare Paradoxon löst sich bei näherer Betrachtung auf. Immerhin hat der Lerner kein „fixed end“, eine gedankliche Kette, die an das Lernziel gebunden ist. Er bleibt weiterhin frei in der Beschaffung von Informationen und in deren Verarbeitung. Lediglich die Sichtbarkeit des Prozesses wird geschaffen und die kostbaren Wissensartefakte werden für andere nutzbar.

Der Lerner lernt also mit einem „loose end“ - nicht das Ziel ist dabei das Ziel, sondern ausschließlich der Weg. Ein Endziel gibt es damit nicht, denn wir hören de facto niemals auf mit dem informellen Lernen - eine Innovation der Natur, die auch das formale Lernen nicht kippen konnte!

 

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