BIBB-Präsident Esser: 'OECD muss aufhören, die berufliche Bildung in Deutschland abzuqualifizieren'

"Röpke-Symposium" kritisiert Akademikergläubigkeit in Politik und Institutionen

Mittwoch, 5.12.2012

"Es bedarf eines ganzheitlichen Bildungsweges und Reifungsprozesses, um Fertigkeit und Dauerhaftigkeit und damit auch Autorität und Sittlichkeit zu erlangen." Diese Aussage von Richard Sennett kann als Essenz der Vorträge und Diskussionen auf dem 5. "Röpke-Symposium" am Montag in Düsseldorf gelten. Die Aussage des renommierten - per Video-Einspielung aus New York einbezogenen - Soziologen besitzt vor dem Hintergrund des Versagens vermeintlicher Eliten in der Weltfinanzkrise dauerhafte Aktualität. Der Satz wirke jedoch darüber hinaus "als grundständige Mahnung für eine Kultur der Solidität, deren feste Fundamente Bildung und Qualifizierung sind", formulierte der Vizepräsident der Handwerkskammer (HWK) Düsseldorf, Siegfried Schrempf, zur Eröffnung der hochkarätig besetzten internationalen Konferenz in Düsseldorf.

Das diesjährige "Röpke-Symposium" des "Kompetenzzentrums Soziale Marktwirtschaft" der HWK Düsseldorf in Kooperation mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) suchte den Beitrag der beruflichen Bildungssysteme in Europa und anderen Regionen der Welt für den "Wohlstand der Nationen" zu klären. Die Themenwahl begründete Schrempf mit dem "prägenden Einfluss akademikergläubiger Einlassungen aus der OECD und der EU auf den bildungspolitischen Diskurs in Deutschland". Diese würdigten nicht ausreichend den Beitrag, den das berufliche Bildungswesen für den Erfolg der deutschen Volkswirtschaft leiste.

Noch deutlicher äußerte sich BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser: "Die OECD muss endlich aufhören, die Bildung in und mit der Praxis in Deutschland abzuqualifizieren. Kinder von Akademiker-Eltern, die einen Handwerksberuf erlernen, als Bildungsabsteiger zu kategorisieren, ist diskriminierend und zeugt von einer inakzeptablen Voreingenommenheit gegenüber der Erziehungs- und Bildungsbedeutsamkeit der beruflichen Bildung." Im Unterschied zum allgemeinbildenden Bereich richte sich die berufliche Bildung in besonderer Weise auf die Verbindung von Wissen und praktischem Handeln. "Daraus bezieht sie ihre Stärke, die zunehmend auch als solche gesehen und anerkannt werden muss", betonte Esser.

Gewisse Besserungstendenzen konstatierte der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Otto Kentzler. Der Entwurf des jüngsten OECD-Gutachtens "Bildung auf einen Blick" transportiere erstmals die Einschätzung, dass die meisten hochwertig Berufsqualifizierten in Deutschland keine weitere akademische Qualifizierung wünschten und benötigten. Im Gegenteil: "Ein Teilnehmerrückgang im Bereich der beruflichen Fortbildung wird sich negativ auf das Wirtschaftswachstum in Deutschland auswirken", zitierte Kentzler aus dem Papier.

Kentzler und Esser verwiesen in diesem Zusammenhang auf den Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR). Dort sei mit der Verankerung von Meistern und Technikern gemeinsam mit dem Bachelor auf der Niveaustufe 6 des achtstufigen Qualifikationsrahmens ein "bildungspolitischer Durchbruch" gelungen, so Kentzler. Damit habe der Erwerb beruflicher Handlungskompetenz erstmals gebührende Anerkennung als Bildungsziel erfahren. Eine überfällige Einsicht, denn, so Esser: "Zur Bewältigung komplexer Arbeits- und Lebenswelten ist genau diese berufliche Handlungskompetenz notwendig, die vor allem durch Erfahrung und Aneignung entwickelt wird."

BIBB-Forschungsdirektor Prof. Reinhold Weiß arbeitete in seinem Vortrag Defizite der in den meisten Ländern verbreiteten Modelle beruflicher Qualifikation heraus, zum Beispiel "training on the job" in den USA und England oder die verschulten Systeme in Südeuropa. Selbst Jahre nach der Anlernphase werde dort regelmäßig nur in einer Minderheit der Fälle eine dauerhafte Integration in den Arbeitsmarkt erreicht. Die Innovationsleistung der so Qualifizierten sei im Vergleich zu Absolventen des dualen Systems signifikant schwächer. Diese Auffassung bekräftigten auch der Arbeitswissenschaftler Prof. Gerhard Bosch (Universität Duisburg-Essen), IG Metall-Bildungsdezernent Dr. Klaus Heimann sowie Kammer-Hauptgeschäftsführer Dr. Axel Fuhrmann, der auch auf Modernisierungserfordernisse des dualen Systems der beruflichen Bildung aufmerksam machte. Ein klares Bekenntnis der Landesregierung Nordrhein-Westfalen zur dualen Ausbildung legte Landesbildungsministerin Sylvia Löhrmann ab, die ein Grußwort sprach.

Kontakt

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