Wie werden wir in zehn Jahren, wie in Fünfzig Jahren lernen? Und welche Rolle wird das Internet dabei spielen? Wer Antwort auf diese Fragen sucht, bekommt unterschiedliche Erwiderungen. Doch die Prognosen der Experten ähneln sich auch in wichtigen Punkten.Eins ist klar, die Verfügbarkeit von Informationen steigt weiter, was eine wichtige Voraussetzung für das Lernen darstellt. Dieser Prozess ist seit Jahrhunderten im Gange. Als der englische Philosoph Francis Bacon im 16. Jahrhundert seine berühmte Gleichsetzung von Wissen und Macht formulierte, war der Zugang zu Bildung gleich auf mehreren Ebenen erschwert: erstens konnte auch in unseren Breiten längst nicht jeder lesen und zweitens lag die Fachliteratur hinter den dicken Mauern von Klöstern, Palästen und (wenigen) Universitäten verborgen. Wer ins Dorf kam, ob Kurier oder Bänkelsänger, brachte meist nur lokale Nachrichten oder sorgte für Unterhaltung.

Heute schon Gegoogelt? Das Internet wird zunehmend zur Wissensbörse
Heute können wir im Prinzip jedes Buch oder jedes andere Medium in absehbarer Zeit besorgen oder einsehen und unser Wissen dadurch mehren. Doch die Zugriffszeiten werden dramatisch sinken. Wer heute ein paar Wochen wartet, bis er wieder die Gelegenheit findet, in die Bibliothek zu gehen, um eine Fachzeitschrift zu inspizieren oder ein per Fernleihe bestelltes Buch abzuholen, braucht in naher Zukunft vielleicht nur seine Kaffeetasse einzugießen bis die gewünschten Informationen zur Verfügung stehen.

Die Verfügbarkeit von Informationen steigt weiter, was eine wichtige Voraussetzung für das Lernen darstellt
Magazine, die nichts kosten Gerade das wissenschaftliche Publizieren steht vor einem Umbruch von gedruckten Fachzeitschriften hin zu Online-Magazinen, die nichts kosten und für alle einsehbar sind. Im Oktober startete mit "PLoS Medicine" ein Periodikum nach diesem Modell mit dem Anspruch "das beste medizinische Journal der Welt zu werden". Bei solchen "Open-Access-Modellen" zahlen nur die wissenschaftlichen Autoren, was sie selbst bei gedruckten Zeitschriften schon in einem gewissen Maße tun. Was die Forschungseinrichtungen an dieser Stelle an Mehrausgaben haben, sparen sie an anderer Stelle wieder ein, indem sie auf teure Zeitschriftenabonnements verzichten.
Google kündigt an Google kündigte kürzlich an, Buchbestände von fünf der renommiertesten Bibliotheken der Welt nach und nach zu digitalisieren und im Web kostenlos bereitzustellen. Die Informationen werden also da sein - zu jeder beliebigen Zeit an jedem beliebigen Ort. Und im künftigen "Semantic Web" sollen die Verknüpfungen noch dichter sein. Anwendungen werden die inhaltlichen Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Informationsangeboten im Netz erkennen und nutzen können. Das ist auch nötig, denn schon jetzt sind viele von der Informationsflut überwältigt. Medienkompetenz hat das Zeug, die Schlüsselqualifikation des 21. Jahrhunderts zu werden. Die Rolle von Lehrern und Ausbildern wird sich dabei weiter ändern. Vom Informationsspender zum Moderator (der Lerngruppen unterstützt), zum Redakteur (der Informationen auswählt und aufbereitet) oder zum Coach (der zum selbstständigen Lernen anregt).
Der Lerner wird Moderator Auch der Lerner der Zukunft hat eine größere Verantwortung. Er managt seinen Wissenserwerb zunehmend selbst. Er sucht sich einen Tutor nach seinen Bedürfnissen aus einem weltweiten Angebot aus. Er trifft die Wahl exakt, wenn er das Wissen in seinem Beruf, in seinem Alltag, in seiner Entwicklung braucht. Er sucht sich auch Menschen (oft online), die ihn ein Stück des Weges begleiten, mit denen er über das Gelernte diskutiert. Und er tauscht dabei auch einmal die Rollen. Der Lerner wird Moderator, Redakteur oder Coach für Andere.
Lernen durch Probehandeln Damit ist klar, dass nicht nur das Trägermedium der Informationen, sondern auch die Didaktik Veränderungen unterworfen ist. Wer seinen Online-Kurs quasi als Buch mit Testfragen am Kapitelende gestaltet, verschenkt die besten Potenziale der neuen Medien, auch wenn er dem Lerner eine Testauswertung präsentiert. Denn wir lernen am besten durch Tun, auch wenn es "Probehandeln" in einer simulierten Umgebung ist. Das große didaktische Potenzial des eLearning liegt darin, den Lerner zum Handelnden zu machen. Das funktioniert zum Beispiel in Simulationen. Der Flugsimulator fühlt sich fast wie ein Airbus an, gibt dem Piloten auch die Möglichkeiten, einen Schaden anzurichten, aus dem er klug wird, nimmt ihm aber die grausamen Konsequenzen. Neben technischen-, werden auch soziale Simulationen an Bedeutung gewinnen, etwa zur Gesprächsführung oder zum Lernen von Fremdsprachen. Dabei kann geeignete Software auch die Reflexion des Lernprozesses unterstützen, indem sie Handlungen oder Lernschritte des Nutzers aufzeichnet und ihm in einem geeigneten Augenblick zur Analyse zur Verfügung stellt.
Netzschwatz im Web Auch kooperatives Lernen am Computer wird eine neue Qualität erreichen, ob synchron per Chat und Whiteboard oder asynchron per Email und News, ob im weltweiten Netz oder im Intranet eines Unternehmens. Virtuelle Teams können sich leicht nach Interessen und Qualifikationen zusammenstellen; Rollenspiele proben den Ernstfall. Der Kontakt zu Experten wird einfacher, Weiterbildung authentischer, der Lerner hoffentlich motivierter. Auch die Schulen können mitmachen. Der Netzschwatz mit amerikanischen Altersgenossen fasziniert sicher mehr als das nächste Kapitel im Lehrbuch "Learning English".
Virtuelle Realität wird erschwinglich Nicht alle Techniken für die Bildung von morgen stehen Otto Normalsurfer heute schon zur Verfügung. Virtuelle Realität ist beispielsweise für ihn noch unerschwinglich; ihr Potenzial für die Bildung dagegen enorm. Lerner schieben nicht mehr ihre Maus, sondern greifen nach Objekten, zeigen auf Gegenstände, bewegen sich mit ihrem ganzen Körper. Physikstudenten schrumpfen auf die Größe eines Atoms oder blasen sich zu einem Planeten auf. Angehende Chirurgen wagen einen Spaziergang durch die Herzkammern, Architekten schlendern durch die Bauwerke ihrer gestalterischen Fantasie.
Dynamik gemeinsamer Visionen Lernen wird sich im Web vermutlich zunehmend selbst organisieren. Wer vorankommen will, besorgt sich nicht zwangsläufig einen Kurs beim Weiterbildungs-Broker, sondern gründet eine Community mit einer gemeinsamen Vision, die ihre eigene Dynamik entfalten kann. Wenn sich die Bereitschaft, Wissen zu teilen dann mit Techniken wie Blogs oder Wikis paart, können eindrucksvolle Ergebnisse herauskommen. Wie die gemeinschaftlich verfasste Enzyklopädie Wikipedia zeigt, die es mittlerweile mit etablierten Lexika aufnehmen kann.
Wissensvorsprung wird unentbehrlich Schließlich wird Lernen in Zukunft in allen aktiven Lebensphasen eine zentrale Rolle spielen. Wer zehn Jahre die Schulbank drückt um anschließend fünfzig Jahre bloß seine Fähigkeiten anzuwenden, wird sich vielleicht noch als Museumswärter verdingen können. Wer nicht bei der nächsten Runde von Arbeitsplatzabbau und Produktionsverlagerung zu den Verlierern zählen will, sollte sich durch einen Wissensvorsprung unentbehrlich machen.
Dr. Nicolas Balacheff, Director of Laboratoire Leibniz IMAG, Centre national de la recherche Scientifique (CNRS)
Roger C. Schank, President and CEO of Socratic Arts
Mark Johnstone, ehemaliger Director of Learning for BBC Worldwide's Learning
Dr. Tayeb Kamali, Vice Chancellor of the Abu Dhabi Petroleum University (ADPU)